„Es ist unmöglich, all diese Gebote zu halten“

Der 7. Oktober 2010 ist der 100. Todestag von Leo Tolstoi. Ich habe bisher erst eins seiner Bücher gelesen und weiß ingesamt herzlich wenig über ihn. Klar ist allerdings, dass er sich eingehend mit dem Christentum beschäftigt hat, z.B. in „Das Himmelreich in euch„, in dem er u.a. das Besondere an der Lehre Christi herausstellt:

“Ob wir äußerliche Regeln und Lehren befolgen, sehen wir daran, ob sich unser Verhalten mit diesen Geboten deckt. (Halte den Sabbat. Lass dich beschneiden. Gib den Zehnten.) Es ist aber in Wirklichkeit unmöglich, all diese Gebote zu halten.

Ob wir der Lehre Christi gehorchen, sehen wir daran, ob wir uns bewusst sind, dass wir an das vollkommene Ideal niemals herankommen. Das Ausmaß, in dem wir uns dieser Vollkommenheit nähern, können wir nicht sehen; alles, was wir sehen, ist die Abweichung.

Ein Mensch, der sich zu äußerlichen Verhaltensregeln bekennt, gleicht jemandem, der im Licht einer fest aufgestellten Laterne steht. Um ihn herum ist alles hell, aber er kann nicht weitergehen. Ein Mensch, der sich zur Lehre Christi bekennt, gleicht jemandem, der eine Laterne an einem langen oder auch nicht so langen Stab vor sich herträgt: Das Licht befindet sich immer vor ihm, es erleuchtet immer weiter den Boden zu seinen Füßen und macht ihm Mut, weiterzugehen.” (Gefunden in: Yancey, Philip. 2002. Warum ich heute noch glaube. Menschen, die mir halfen, die Gemeinde zu überleben. Wuppertal: Brockhaus.)

Wieder einmal jemand, der überzeugt scheint, dass es im Christentum nicht um Verhaltensregeln geht, sondern darum, jemandem (sprich: Jesus) zu folgen. Der christliche Glaube ist also weit weniger starr als Viele denken. Erinnert mich an zwei Zitate von Shane Claiborne beim Studientag „Jesus for President“ im November 2009:

„Christianity is not a set of doctrines, but a way of living on this planet.“
„Christianity ist not about right thinking, but about right living!“

Tolstoi und Claiborne – ein Russe und ein Amerikaner, die so Vieles (u.a. natürlich auch die Epoche) trennt. Und trotzdem eine solche Gemeinsamkeit! 😉

Mein erster Tolstoi

Neulich erstmalig was von Tolstoi gelesen: „Der Tod des Iwan Iljitsch“ (die Lizenzausgabe vom Brunnen-Verlag (2009)). Habe mich mit der Übersetzung allerdings etwas schwergetan – vielleicht, weil sie aus dem Jahr 1950 ist? Konnte damit jedenfalls nicht so richtig warm werden.

Zu Aufbau und Thematik:

„Tolstoi beschreibt das Leben und die darin zum Tragen kommenden Lebensansichten des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch Golowin und dessen vorzeitigen Tod im Alter von 45 Jahren. Dramatisch dicht dargestellt werden die Existenzangst, die Angst vor den Schmerzen im Tod sowie Machtlosigkeit und Ratlosigkeit des Menschen gegenüber dem sich im vorzeitigen Tod zeigenden Schicksal.“ (wikipedia)

Ansonsten: Das Ganze ist ja schon eine deprimierende Geschichte… Fühlte mich zwar (u.a. wegen des Sprachstils) nicht so recht nah dran am Geschehen, aber über folgende Dinge / Fragen hab‘ ich mir doch so meine Gedanken gemacht:

  • Wie gedankenlos bin ich manchmal angesichts des Leids meiner Mitmenschen? Iwan Iljitschs Kollegen und auch seine Familie scheinen sich ja nicht allzu viele ernsthafte Sorgen um ihn zu machen.
  • Wie lieblos kann auch ich sein? Der einzige Mensch, der Iwan Iljitsch Zuneigung entgegenbringt, ist sein Diener Gerasim – nicht seine Freunde und Familie.
  • Wie viele Menschen sind mit ihren Ängsten komplett allein? I.I. scheint niemanden zu haben, dem er sich wirklich anvertrauen kann und möchte.

Bisher hatte ich es nicht so mit russischen Schriftstellern, muss ich zugeben. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski habe ich vor ein paar Jahren mal gelesen und erinnere mich vage, dass es mich irgendwie beeindruckt hat…

Irgendwelche Tipps von Eurer Seite?