Fundstückchen: Den ganzen Kosmos lieben

„Wohl denen, die den ganzen Kosmos lieben. Und nicht nur ihr eigenes kleines Land, ihre kleine Stadt oder ihr kleines Stückchen Grund und Boden, ihnen wird sich die Bedeutung des Wortes Unendlichkeit offenbaren.“

(Aus: „Die Farbe Lila“ von Alice Walker – zitiert von Christina Brudereck beim Studientag Gesellschaftstransformation)

Erst die Anderen. Dann ich.

Es war einmal eine „Sterntaler„-Kassette, die fristete gut und gerne 25 Jahre lang völlig ungehört ihr Dasein in einem Kassettenköfferchen. Bis sie schließlich zunächst bei meinen Neffen und jetzt auch bei meinem ältesten Sohn Gehör fand. Und so unweigerlich auch bei mir. Was fällt mir denn dazu ein?

a) Der Erzähler klingt wie Oliver Kahn. Er kann es nicht sein, ich weiß, aber es irritiert maßlos!

b) Die Geschichte ist – in meinen Ohren – grottenschlecht gesprochen. Oder hat man das vor 30, 40 Jahren einfach ganz anders gemacht und ich bin das nicht mehr gewöhnt?!

c) „Sterntaler“ ist – und das hatte ich schon noch so in Erinnerung – eine wirklich krasse Geschichte, wie unsereins heutzutage sagen würde. Wobei mir die Moral von der Geschicht‘ überhaupt nicht mehr geläufig war. Bei Wikipedia steht das so:

Vielfach wird dieses Märchen der Brüder Grimm als Allegorie eines vorbildlichen christlichen Menschen verstanden, der barmherzig und großzügig an bedürftige Menschen von dem Seinen gibt, auch wenn er selber „am Ende“ dabei scheinbar „nichts“ mehr hat. […] Sterntaler erzählt von einem Mädchen, das zuerst auf sein Umfeld schaut, erst dann auf die eigenen Bedürfnisse.

Und da gibt mir diese alte Kassette – so sehr mich der Kahn-Imitator und die schlechten Sprecher auch ablenken – mit diesem uralten Märchen aktuell wirklich sehr zu denken. Danke, liebe Brüder Grimm!

Ich versteh die Welt!

Mein Schreibtisch vermeldet zwei Neuzugänge:

Letzteres habe ich mir mal als Erstes vorgeknöpft. Da heißt es dann so schön & ein bisschen verschwurbelt auf der Rückseite:

Das Buch »Die Welt verstehen« möchte Gemeinden und Kirchen helfen, den Blick nach außen zu wenden, um ihren gesellschaftsrelevanten Auftrag neu zu entdecken. Die Methode der Kontextanalyse hilft, diesen Auftrag neu wahrzunehmen und umzusetzen und ist daher eine wertvolle und praktische Sehhilfe für die Gemeinde. Mit der Analyse des eigenen Potenzials beginnt eine spannende Reise von Milieukarten über Aktionsforschungen bis zu geistlichen Stadtteilbegehungen. Dabei werden viele praktische Anregungen und Hilfestellungen, Tools und Kopiervorlagen für die eigene Umsetzung gegeben, die es ermöglichen, den eigenen Stadtteil Schritt für Schritt besser kennenzulernen.

Und der letzte Satz ist genau der Punkt:  Es geht vor allem um PRAXIS! Und es geht darum, die eigene Umgebung / die Umgebung der Gemeinde zu entdecken. Raus aus dem Gemeindehaus! Schon mal einen Gebetsspaziergang im Stadtviertel der Gemeinde gemacht? Oder eine strukturierte Stadtteilbegehung? Mal über die Geschichte der eigenen Gemeinde und ihre Beziehungsgeflechte innerhalb der Stadt nachgedacht? Und damit fängt’s ja erst an… Wer “Die Welt verstehen” liest, kriegt echt was zu tun! ;-)

„Es ist unmöglich, all diese Gebote zu halten“

Der 7. Oktober 2010 ist der 100. Todestag von Leo Tolstoi. Ich habe bisher erst eins seiner Bücher gelesen und weiß ingesamt herzlich wenig über ihn. Klar ist allerdings, dass er sich eingehend mit dem Christentum beschäftigt hat, z.B. in „Das Himmelreich in euch„, in dem er u.a. das Besondere an der Lehre Christi herausstellt:

“Ob wir äußerliche Regeln und Lehren befolgen, sehen wir daran, ob sich unser Verhalten mit diesen Geboten deckt. (Halte den Sabbat. Lass dich beschneiden. Gib den Zehnten.) Es ist aber in Wirklichkeit unmöglich, all diese Gebote zu halten.

Ob wir der Lehre Christi gehorchen, sehen wir daran, ob wir uns bewusst sind, dass wir an das vollkommene Ideal niemals herankommen. Das Ausmaß, in dem wir uns dieser Vollkommenheit nähern, können wir nicht sehen; alles, was wir sehen, ist die Abweichung.

Ein Mensch, der sich zu äußerlichen Verhaltensregeln bekennt, gleicht jemandem, der im Licht einer fest aufgestellten Laterne steht. Um ihn herum ist alles hell, aber er kann nicht weitergehen. Ein Mensch, der sich zur Lehre Christi bekennt, gleicht jemandem, der eine Laterne an einem langen oder auch nicht so langen Stab vor sich herträgt: Das Licht befindet sich immer vor ihm, es erleuchtet immer weiter den Boden zu seinen Füßen und macht ihm Mut, weiterzugehen.” (Gefunden in: Yancey, Philip. 2002. Warum ich heute noch glaube. Menschen, die mir halfen, die Gemeinde zu überleben. Wuppertal: Brockhaus.)

Wieder einmal jemand, der überzeugt scheint, dass es im Christentum nicht um Verhaltensregeln geht, sondern darum, jemandem (sprich: Jesus) zu folgen. Der christliche Glaube ist also weit weniger starr als Viele denken. Erinnert mich an zwei Zitate von Shane Claiborne beim Studientag „Jesus for President“ im November 2009:

„Christianity is not a set of doctrines, but a way of living on this planet.“
„Christianity ist not about right thinking, but about right living!“

Tolstoi und Claiborne – ein Russe und ein Amerikaner, die so Vieles (u.a. natürlich auch die Epoche) trennt. Und trotzdem eine solche Gemeinsamkeit! 😉

Die Kunst flüstert Dir zu: Du bist nicht allein!

Habe im relevant magazine heute einen kurzen Grundsatzartikel zum Thema dieses Blogs gefunden: „Why art should matter to christians“ von Melissa Kircher.

Darin kommt sie zunächst darauf zu sprechen, wie eine Welt ohne Kunst, also ohne Poesie, Tanz, Musik, Comedy, Film, Architektur, etc. wohl aussähe – nämlich fad, öd und leer. Sie sieht Kunst als Ausdruck der Ewigkeit und der Wahrheit. Sie kann uns daran erinnern, dass wir in all dem Schmerz, der Ungerechtigkeit und Bitterkeit, die wir empfinden mögen, nicht allein sind.

Imagine a world without poetry, dance, song, comedy, film, architecture, painting, stories, symphonies, theater or sculpture. Such a world would be bland. Art brings vibrance and beauty to our lives. Creativity is both a fully human and fully divine experience. It is an acknowledgement that something eternal and full of truth lies behind the temporal world in which we live. It focuses our eyes on the pain around us, the injustice in front of us, the joy abounding within us, and the pull we feel towards meaning and significance. Music moves us. Poetry connects us. Paintings shout at us. Dance energizes us. Art draws us back into the fold of humanity when we wander out full of pain, discouragement, and bitterness. It whispers, “You are not alone.”

Dann ruft sie dazu auf, selbst kreativ, also künstlerisch tätig zu werden, in welcher Form auch immer: Möbel restaurieren, kochen, eine Mathegleichung lösen – oder was immer uns sonst begeistern mag. Ebenso kann man Kunst und Künstler vor Ort unterstützen, indem man Aufführungen und Ausstellungen besucht oder an Wettbewerben teilnimmt:

We all enjoy creative expression in some shape or form. Find out what this means to you and carve out time to do it. Creativity can mean refinishing furniture, sculpting a bush, trying a new recipe, even working passionately at science or math. Support art within your community by buying tickets to the ballet or symphony, checking out a local art show, entering a writing contest, painting a mural, starting a band, singing at church, drawing on the sidewalk, organizing community dance lessons […].

Der meiner Meinung nach wichtigste Teil des Artikels beschäftigt sich damit, wie die christliche Gemeinde sich in Sachen Kunst & Kultur engagieren sollte. Es kann nicht angehen, dass Kunst in Gemeinden nur lieb und nett sein darf. So wird sie niemals die ganze Bandbreite des menschlichen Daseins widerspiegeln und letztlich wirkungs- und bedeutungslos sein.

Gemeinden könnten den Dichtern, Komponisten, Malern und sonstigen Künstlern in ihren Reihen mehr Raum geben – im Gottesdienst, aber auch in Ausstellungen in den Räumen der Gemeinde, Literaturwettbewerben, Konzerten, und so weiter.

The Christian church needs to realize they are losing artists as well. […] So how can churches re-incorporate artists when many of them feel that in order to have their art welcomed in church, it needs to look all cute and flannel-graphy? Christian churches seem to censor so much, but forget that historical Christian art displayed naked people, bloody scenes, and crosses. Congregations could be much more welcoming by actually allowing creative artwork to be displayed.

Congregations could invite artist participation by inviting musicians to write songs that tie in with sermons or painters/designers to create original power point slides for a service. They could sponsor a poetry jam, battle of the bands, writing contests, host a community art show, or start an artist’s small group. Church members could donate a studio, gallery space, photography equipment, recording time, or publishing contacts.

Creating a church environment where the arts are more appreciated and funded is part of honoring the God-given gift of creativity that lives inside us all.

Kreativität ist eine Gabe – ich nutze sie zu selten, finde ich…

Schicke Bibel, Mann!

Es scheint bei Grafikern mittlerweile fast zum guten Ton zu gehören, die Bibel schick zu machen, kann das sein? 😉 Nachdem ich schon über Dag Söderberg, Heiko Rafflenbeul, Sascha Dörger und Eva Jung gebloggt habe, weise ich heute auf das Projekt „Die Bibel als Magazin“ hin (Eine Leseprobe (pdf) gibt’s hier). Dahinter stecken der freie Journalist Oliver Wurm und Designer Andreas Volleritsch.

Laut „Spiegel“-Interview kam die Idee Wurm einmal im Hotelzimmer, als er nur eine herkömmliche Bibel zur Hand hatte. Was er las, fand er wohl gar nicht so schlecht, aber die Aufmachung brachte ihn doch sehr zum gähnen…Was ich durchaus nachvollziehen kann! Die ganze Story gibt’s entweder im „Spiegel“ (Ausgabe 35/2010 vom 30.08.2010) oder im Medienmagazin „pro„.

Dazu gleich mal die Frage in die Runde: Würdet Ihr enthusiastischer, lieber, öfter… in der Bibel lesen, wenn die Aufmachung besser, schicker, moderner… wäre?