Blinde Kuh

Aufgeschnappt dank Magnus: Ein Beitrag auf dasaweb über „Tanzen“ von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1986, mit einem…

…Text, der leider all zu gut zu der Stimmung der letzten Wochen passt. (Tanzen | dasaweb)

Nämlich:

Asylanten weisen wir vor unsere Schranken
So verfolgt kann keiner sein
Deutschland wird allzusehr als Paradies missverstanden
Wir lassen einfach keinen mehr rein

Wir sind Christen, falten unsere Hände
Schließen dabei die Augen zu
Wir preisen Gott und die geistige Wende
Wir spielen blinde Kuh
Wir wollen unsere Herren loben
Alles Gute kommt von oben

Als das Lied rauskam, war ich eine Art Fan von Grönemeyer. Hatte damals allerdings keinen richtigen Draht zu seinen Texten. Ich war 10…  Ich weiß darum auch nicht, wie die Lage damals war und inwiefern Grönemeyer damals Recht hatte mit seiner Kritik an Christen. (Vermute allerdings, er lag nicht ganz daneben…) Meine Hoffnung ist jedenfalls, dass es heute – trotz der Aktualität des Liedes – auf jeden Fall mehr Christen gibt als vor fast 30 Jahren, als das Lied entstanden ist, die eben nicht die Augen verschließen. Oder die sich nicht in ihre eigenen Kreise zurückziehen und „nur“ beten. „Blinde Kuh“ ist schließlich was für’n Kindergeburtstag! (Apropos: „Kinder an die Macht“ fand ich damals super!)

„Kunst schleicht sich unterbewusst ein“

Seine Worte waren schon öfter mal Balsam für meine Seele – und auch in diesem Interview spricht Philip Yancey mir wieder in vielerlei Hinsicht aus der Seele. In seinem neuen Buch („Vanishing Grace. What Ever Happened to the Good News?“) beschäftigt er sich mit der Frage, wie Christen in unserer post-christlichen Zeit Gnade leben und verständlich machen können – denn mit Gnade werden Christen oft leider am allerwenigsten assoziiert.

Yancey nennt jedenfalls drei Haupttypen von Christen, die Gnade für Andere besonders effektiv greif- und erlebbar machen:

Aktivisten handeln mit Taten von Barmherzigkeit. Damit erreichen sie die Herzen von Menschen. Diese öffnen sich für ihre Botschaft. Und irgendwann wollen diese Menschen wissen, warum sie das tun.

Künstler sind auch effektiv darin. Kunst schleicht sich unterbewusst ein. Historisch gesehen war die Kirche immer ein grosser Kunstförderer, heute trifft dies auf manche Gemeinden zu, auf andere kaum. Künstler ordnen sich nicht leicht ein, aber sie sind sehr gut darin, das Evangelium einer Gesellschaft zu sagen, die es eigentlich ablehnt.

Die letzte Gruppe sind die Pilger. Wir können sagen: «Hallo, wir sind genauso unterwegs wie du, aber wir wissen etwas vom Ziel, so und so hat uns das im Leben geholfen», statt klarzustellen: «Wir sind drinnen, ihr seid draussen. Ihr seid schlecht. Und ihr geht dafür in die Hölle.»

Das nenn ich Weite, frischen Wind – und ’ne dicke, fette Ermutigung noch dazu!

(Zuerst gelesen bei Peter)

Christen, die ergebenen Bewunderer der Popkultur

„Mit einer Geschwindigkeit, die sonst nur vom chinesischen Schwarzmarkt erreicht wird, produzieren christliche Verkäufer praktisch über Nacht von jedem säkularen Phänomen eine eigene Variante. Egal, ob es sich um ein neues Musikgenre, ein Diätprogramm oder einen Modetrend handelt, spätestens zu Weihnachten findet sich eine entsprechende Jesus-Version im christlichen Laden um die Ecke. Wenn Nachahmung die höchste Form der Schmeichelei ist, dann sind Christen die ergebensten Bewunderer der Popkultur.“

(Skye Jethani: The Divine Commodity. Discovering a Faith beyond Consumer Christianity.)

Schmerz und Trauer und Schönheit zusammenbringen

Habe in letzter Zeit an der Überarbeitung eines Vortrags von N.T. Wright gesessen und dabei folgende Gedanken gefunden, die mir sehr aus der Seele sprechen:

Wir brauchen eine biblische Theologie der Kunst und der Kultur. Diese fängt bei der Tatsache an, dass Gott in dieser Schöpfung wohnt. Wenn wir die Welt anschauen, wissen wir im Grunde unseres Herzens, dass es mehr gibt als das, was wir sehen und berühren können. Es gibt noch etwas Geheimnisvolles, Besonderes, das wir schwer in Worte fassen können. Und es war immer der Auftrag der Menschheit, die Schönheit der Welt zu feiern und sie durch ihre Kunst zu vergrößern.

Aber mit der Schönheit ist es wie mit der Gerechtigkeit – die Menschen bekommen es nicht hin. Unsere Kultur und unsere Ästhetik haben sich in zwei Richtungen entwickelt: Sentimentaliät und Brutalität. Kirchen sind insofern darin verwickelt, als wir manchmal gerne nur das Sentimentale sehen. Die sentimentale Seite sagt: Was für ein schöner Ort diese Welt doch ist! Und ignoriert dabei die Hässlichkeit und Gefahr dieser Welt. Und die brutale Seite sagt: Diese Welt ist grausam und gefährlich, und wir sagen es so, wie es ist.

Aber gibt es nicht noch einen anderen Weg? Die Gemeinde hat die Aufgabe, durch die Künste eine tiefere und reichere Wahrheit über die Welt auszusagen. Es ist unsere Aufgabe, die Schönheit der Schöpfung zu feiern! Eine authentische christliche Ästhetik sollte den ganzen Schmerz und die ganze Trauer dieser Welt aufnehmen und mit der Schönheit zusammenbringen, die in Gottes neuer Schöpfung durchbricht.

(N.T. Wright beim Studientag Gesellschaftstransformation in Marburg am 19. Februar 2011)