Achtung, Ohrwurm!

Wie sich die Zeiten ändern: Mein Kollege Michael Klein von ERF Radio über „Danke für diesen guten Morgen“, das vor mehr als vierzig Jahren für Aufruhr sorgte – ganz im Gegensatz zu heute.

Frühjahr 1968, Jugendgottesdienst in der Peterskirche meiner Heimatstadt. Jugendchor und Band im Altarraum versammelt, stilvoll eingerahmt von großvolumigen Lautsprecherboxen. An der Hammondorgel: der Autor dieses Beitrages. In der dritten Kirchenbank sitzend: dessen Großmutter. Und aus den Membranen dröhnt bis daher in dieser Gemeinde Unerhörtes: „Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag, danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.“ Die Gemeinde versucht, von hektographierten, aromatisch nach Brennspiritus duftenden gelben Zetteln mitzusingen. Die Jungs im Chor wippen dazu mit den Füßen. Die Mädchen lassen lasziv die Hüften kreisen. Jedenfalls behaupten das hinterher unsere und ihre Väter. Meine Oma guckt, als ginge gleich die Welt unter. Sie schämt sich ihres langhaarigen Enkels, der – statt fromme Choräle zu orgeln – mit der nicht weniger langhaarigen Meute da vorne so einen Heidenlärm macht. Mit säuerlichen Gesichtern verfolgen Pfarrer und Kirchenvorsteher den Einsatz von Chor und Band. Und was hinterher in der Gemeinde los war, darüber könnte ich eine mehrstündige Sendung machen – eine Satiresendung übrigens.

Denn „Danke für diesen guten Morgen“ steht heute im Evangelischen Gesangbuch – unter der Nummer 334 übrigens. Und in unmittelbarer Nachbarschaft finden sich Telemanns Kanon „Ich will den Herrn loben allezeit“, Bartholomäus Crasselius’ altehrwürdiges „Dir, dir o Höchster will ich singen“, und selbst Joachim Neanders inniges „Wunderbarer König“ hat sich noch nicht über die Nachbarschaft des lauten Liedes beklagt, mit dem wir wilden Jünglinge vor mehr als 40 Jahren unsere Altvorderen geschockt haben. […]

Heute singt meine Gemeinde dieses Lied ganz selbstverständlich und gern zu Beginn des Gottesdienstes an einem sonnigen Sonntagmorgen. Niemand guckt, als ginge die Welt unter. Im Gegenteil. Ich vermute, dass die meisten in den Bänken mit den Füßen wippen. Ob die Mädchen mit den Hüften wackeln, kann ich nicht sehen. Denn ich sitze ja an der Orgel. Und die geht nicht kaputt davon, dass ich so etwas auf ihr spiele. […] (erf.de)

P.S.: Über die Version von den Ärzten gab es hier übrigens auch schon mal was… 😉

2 Gedanken zu „Achtung, Ohrwurm!“

  1. Mist – trotz Ohrwurmwarnung bin ich infiziert. Habe mich gerade ertappt wie ich laut „Danke für diesen guten Morgen“-pfeifend durch das Bürogebäude gelaufen bin. Ist mir erst aufgefallen, als ich schon am Ziel war ;).

    Auch wenn ich vielleicht dadurch mal wieder etwas lächerlich gewirkt habe: hatte auf den einen oder anderen vll einen positiven einfluss ;).

    Danke für die Erinnerung an ein schönes Lied (das auch Katholiken kennen).

    cu Quincy

  2. Hallo Quincy,

    ich hab’s Dir ja gesagt… 😉 Ging mir eben ähnlich.

    Ich kenne das Lied übrigens selbst (auch) schon aus meinen katholischen Zeiten und habe durchweg positive Erinnerungen daran. 🙂

    LG,
    Ilona

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