Christen können die Welt nicht verändern

crouch_200_hoch1Andy Crouch ist der Autor von „Culture Making: Recovering our Creative Calling„, das ich hier im Blog auch schon mehrfach erwähnt habe. Und zwar hier:

Fünf Fragen zur Kulturanalyse
Kritik ist nicht genug
Ich will nicht auf die Welle aus Amerika warten!

Kürzlich habe ich ein Interview mit Andy gemacht, in dem er erklärt, wie er Kultur definiert, welchen Aufrag Christen diesbezüglich eigentlich wirklich haben und warum wir die Welt nicht verändern können.

Wie definierst Du Kultur?

Dafür habe ich eine Definition des Journalisten Ken Myers übernommen, der gesagt hat: „Kultur ist alles, was Menschen mit der Welt anfangen, und zwar in zweifacher Hinsicht.“ Kultur, das sind einerseits die greifbaren, materiellen Dinge, die Menschen herstellen. Aber Kultur ist auch, was man mit der Welt anfängt, sprich: Welchen Reim man sich darauf macht oder wie man diese Welt interpretiert, die keine offensichtlichen Erklärungen für ihre Schönheit, ihren Schrecken und ihre bloße Existenz bietet.

Die Definition von Myers finde ich sehr hilfreich, weil Kultur – zumindest im anglo-amerikanischen Denken und unter amerikanischen Christen – oft nur als Symbolik oder im Sinne von Weltanschauung oder Werten betrachtet wird.

Natürlich ist Kultur ein Transportmittel für Weltanschauungen und Werte – aber diese werden durch konkrete kulturelle Artefakte weitergegeben. Manchmal wird Kultur auch auf ein bestimmtes Produkt aus der Unterhaltungs- oder Popkulturindustrie reduziert. Wenn dies aber zu sehr betont wird, werden wir einfach zu passiven Beobachtern dessen, was Leute in Hollywood produzieren. Wenn man Kultur definiert als „alles, was Menschen mit der Welt anfangen“, stellt man fest, dass wir alle auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Bereichen daran beteiligt sind, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu gestalten. Wir alle stellen immer wieder etwas her – in meinem Buch erwähne ich Autobahnen, Omeletts, Chili con carne und Gemälde – und wir alle sind Teil des gemeinsamen Projektes, etwas aus dieser mysteriösen Welt zu machen, in der wir leben.

“Culture is not changed simply by thinking”, also: Kultur wird nicht dadurch verändert, dass man nachdenkt, heißt es in Deinem Buch. Was muss also getan werden?

Kultur wird verändert, wenn Menschen mehr Kultur schaffen, d.h. mehr kulturelle Güter, Artefakte und Institutionen, die – wenn eine größere Gruppe sie übernimmt – eine Erweiterung der Möglichkeiten für eben diese Menschen zur Folge hat. Leider haben wir Christen uns eher an den Rand der Kultur zurückgezogen und geben uns mit der bloßen Analyse oder Kritik der Gesellschaft zufrieden. Wir werden zu Experten für Kultur, aber nicht zu Experten im Schaffen von Kultur – und das ist ein großer Unterschied.

Weil Kultur durch handfeste kulturelle Artefakte verändert wird, bringt die bloße Analyse leider nicht viel. Im besten Fall kann sie uns dabei helfen, bessere Kulturgüter zu schaffen. Aber falls wir genau diese Aufgabe nicht übernehmen, werden wir Kultur nur sehr wenig beeinflussen können. Und was vielleicht noch entscheidender ist: Wir kommen der Aufgabe nicht nach, die Gott uns Menschen gegeben hat: Kultur zu gestalten! Der Hauptgrund dafür, Kulturschaffende zu sein, ist nicht, Kultur zu verändern. Moderne Kulturen sind so komplex, dass keiner davon ausgehen kann, sie wirklich verändern zu können. Der Grund dafür, Kultur zu schaffen, ist vielmehr, unserer Berufung nachzukommen: Dinge auf dieser Welt zu gestalten und zu erschaffen.

Viele Christen wollen die Welt verändern – was an sich keine schlechte Idee ist. Du hingegen scheinst da eher skeptisch zu sein. Warum?

Ich bin aus verschiedenen Gründen skeptisch. Zuerst mal ist „die Welt verändern“ eine schlampige Formulierung und zeugt von ungenauem Denken. Kein kulturelles Artefakt, das ich kenne – weder die Bibel, noch Coca-Cola, noch der Verbrennungsmotor – hat die Welt so verändert, dass dadurch eine Erweiterung der Möglichkeiten für alle Menschen entstanden ist. Andererseits könnte man sagen, dass jedes kulturelle Artefakt – sogar die Bilder, die meine Kinder im Kindergarten gemalt haben – die Welt in der Hinsicht verändert haben, dass durch sie etwas in die Welt gekommen ist, was vorher nicht da war. Diese Bilder sind kulturell aber nicht wirklich relevant. Ein Satz, der alles und nichts bedeuten kann, ist also nicht wirklich hilfreich.

Zweitens: Wenn ein Ausdruck eine postmoderne kulturelle Anmaßung symbolisiert, dann ist es genau dieser: “die Welt verändern”. Diese Formulierung beinhaltet ein unglaubliches Ausmaß an Überheblichkeit, und zwar nicht nur wegen der Vorstellung, dass ich die Welt tatsächlich verändern könnte, sondern auch, weil damit gesagt, dass die Welt „besser dran“ sein wird, wenn ich mit meiner Weltveränderung fertig bin. Denn das wird doch immer vorausgesetzt, oder? Aber wieso sollte das eigentlich stimmen?

Denken wir mal an meine Bemühungen, etwas zu ändern, dass viel eher in meinem Einflussbereich liegt: mein eigenes Leben. Wie gut war ich bisher darin, Andy zu verändern? Vielleicht sollte man da mal meine Frau fragen… 😉 Vermutlich würde sie sagen, dass ich mich nicht halb so viel verändert habe wie sie gehofft hat, als sie mich vor 15 Jahren geheiratet hat. Ja, es hat Veränderungen gegeben, vielleicht sogar grundlegende Veränderungen zum Positiven, aber wenn ich mal ehrlich bin, stelle ich fest, dass diese Veränderungen vor allem der Gnade Gottes und weniger meinen eigenen Bemühungen zu verdanken sind.

Wenn es mir also schon kaum gelingt, Andy zu verändern, auf den ich ja ziemlich viel Einfluss habe, warum sollte ich dann davon ausgehen, dass es mir so viel besser gelingen würde, die Welt zu verändern? Es ist viel besser, sich auf das Gestalten und Schaffen von Kultur zu konzentrieren und das Verändern der Welt Gott zu überlassen.

Abgesehen davon, dass Du Bücher schreibst und andere Dinge tun, die direkt mit diesem Thema zu tun haben – wie und wo gestaltest Du Kultur?

Wie die meisten anderen Leute auch gestalte ich Kultur auf verschiedenen Ebenen. Am direktesten und innigsten findet dies in meiner Familie statt, also mit meiner Frau Catherine und unseren beiden Kindern Timothy und Amy. Die Scones, die ich heute Nachmittag gebacken haben, die Rohr-Reparatur, die ich am Wochenende durchgeführt habe, die Gartenarbeit, der wir uns morgen widmen werden – all das ist Kultur-Schaffen.

Dann gibt es eine eher öffentliche Ebene. Als Produzent stelle ich Kontakte her: Zwischen Menschen und Geschichten, die erzählt werden sollten, zwischen Regisseuren und dem nötigen Talent, diese Geschichten zu erzählen, zwischen Investoren, die Geld für die Produktion haben und Vertriebspartnern, die die Geschichte letztendlich verbreiten. Mein neuestes Projekt heißt “Round Trip” (www.roundtripmissions.com). Das ist eine Art Lehrplan, der auf Dokumentarfilmen basiert und sehr bewusst darauf abzielt, die Art zu ändern, wie amerikanische Christen missionarische Kurzeinsätze im Ausland durchführen. In den letzten Jahren sind solche Einsätze sehr oft gemacht worden – und leider nicht besonders gut. Man könnte sogar sagen, dass diese Einsätze eine der Hauptmethoden von Amerikanern sind, “die Welt zu verändern” – allerdings nicht immer zum Positiven!

Ich verbringe auch viel Zeit damit, mit der säkularen Presse zu reden und den Journalisten dort dabei zu helfen, ihren Lesern die faszinierende und oft verwirrende Welt der amerikanischen Christenheit zu erklären. Eine einstündige Unterhaltung wird dann zwar oft nur zu einem Satz im Time-Magazin oder in der New York Times – wenn überhaupt – aber das sind wichtige Gelegenheiten dafür, Einfluss darauf zu nehmen, wie amerikanische Christen in der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Und schlussendlich ist ein großer Teil meines Kultur-Schaffens sozusagen unsichtbar, weil es z.B. bedeutet, Menschen ein guter Freund zu sein, die in der Öffentlichkeit stehen, vor allem im Bereich der Universität und in gewissem Maße auch in den Medien. Die Gemeinschaft von Leuten, die effektive Kulturschaffende umgibt, tritt oft gar nicht groß in Erscheinung, aber eine unterstützende, scharfsichtige Gruppe von Freunden braucht wohl jeder Kulturschaffende am meisten.

Was hat Dich dazu gebracht, “Culture Making” zu schreiben?

Da gab es mehrere Gründe. Ein wachsendes Unbehagen bei amerikanischen Christen bezüglich ihrer Beziehung zu Kultur. Eine Unzufriedenheit damit, wie sehr die Konsumkultur Viele von uns geprägt hat, sowie die Überzeugung, dass sich wenig ändern würde, wenn ich mich einfach nur über das Konsumdenken beschweren würde – dass dieses aber vielleicht an Attraktivität verlieren würde, wenn ich Leuten dabei helfen könnte, ihre Berufung (Gestalten und Erschaffen) wiederzuentdecken. Und nicht zuletzt das Bewusstsein, dass sich die Landschaft für evangelikale Christen in den USA verändert hat. Wir haben in vielerlei Hinsicht mehr Zugang zu kultureller Macht als noch vor 100 Jahren, gleichzeitig aber sehr begrenzte theologische Ressourcen, die uns dabei helfen könnten, richtig damit umzugehen.

Was möchtest Du mit dem Buch erreichen?

Ich hoffe, dass Christen viel mutiger darin und viel eher bereit dazu werden, sich in jedem Teil von Kultur zu engagieren. Ich hoffe, dass sie demütiger werden und sich mehr auf den kleinen Teil konzentrieren, den sie beitragen können, statt sich in energiefressenden Strategien zu verlieren, um mehr Macht zu bekommen. Ich hoffe, dass sie mehr Freude angesichts der genialen Möglichkeiten empfinden, die wir haben – denn in einer Welt, die an allen Ecken und Enden von Sünde verdunkelt wird, scheint trotzdem überall die Gnade Gottes. Natürlich geht das alles über ein einziges Buch hinaus, und liegt auch nicht in meinem Einflussbereich. Also muss ich das, was ich sage, auch wirklich leben und darauf vertrauen, dass Gott etwas aus dem bisschen Kulturschaffen macht, das ich treu und brav betreibe! Zum Glück scheint Gott genau das zu tun, und das führt dazu, dass ich genau so bin, wie ich sein sollte: dankbar, verblüfft, überrascht und klein.

Bildquelle: culture-making.com

9 Gedanken zu „Christen können die Welt nicht verändern“

  1. Wenn der Verfasser dieses – sicher sehr interessanten und guten – Buches nicht aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ mit seinem nur sehr kurzen kulturgeschichtlichen Erbe (mal abgesehen von der Kultur der Ureinwohner) käme, würde er seine Rohrreparatur wahrscheinlich nicht unbedingt als „Kultur“ bezeichnen. In Europa, das sich an genialen Kulturschaffenden wie z.B. ein daVinci, van Goch oder Beethoven in seiner Geschichte erfreuen kann, ist der Begriff „Kultur“ vielleicht inhaltlich doch etwas anders besetzt.

    Grüßle, Sec

  2. Hallo Sec! 🙂

    Ja, vielleicht kommt das, was Crouch eigentlich meint, in dem Interview nicht so gut ‚rüber bzw. ist es vielleicht verständlicher, wenn man das Buch kennt.

    Ihm ist schon bewusst, dass der Begriff „Kultur“ auch anders besetzt ist. Und dagegen sagt er auch gar nichts. (Im Übrigen denke ich, dass Andy – so wie ich ihn „kenne“ – sehr wohl Beethoven & Co. zu schätzen weiß. 😉 )

    Es geht vielmehr darum, (speziell) Christen dazu zu mobiliseren, selbst Kultur zu gestalten. Sie daran zu erinnern, dass wir dazu geschaffen sind, selbst Dinge zu schaffen. Sicher, nicht jeder ist ein herausragender Komponist oder genialer Schriftsteller. Aber jeder kann etwas (er)schaffen. Jeder gestaltet die Welt mit – und wenn er nur einen Rohrbruch repariert… 😉 Es geht also letztlich darum, den Begriff „Kultur“ zu erweitern oder neu zu besetzen.

    Kannst Du das nachvollziehen?

    LG,
    Ilona

  3. Hat Jesus nicht etwa die Welt verändert? Sind wir denn nicht seine Nachfolger? Hat ER uns etwa nicht seine Vollmacht übertragen, damit wir diese Welt und ihre Menschen verändern können?
    Wenn ich, als geistlich wiedergeborener Christ, seine Worte ernst nehme, bin ich durch Jesus Christus in der Lage, meine Umgebung zu verändern. Würden alle Christen auf der Welt das Wort Gottes ernster nehmen, sähe es meiner Meinung nach auf der Welt besser aus.

  4. Der Kommentar von Herrn Holeweg wirkt zumindest in seiner Schlichtheit so, als hätte der Verfasser den zu kommentierenden Text überhaupt nicht durchgelesen, sondern bezöge sich nur auf den Titel.

    Zusammen mit dem Link, der auf ein werbliches Angebot hindeutet, wirkt das auf mich wie diese handgebauten Spamkommentare, deren Hauptzweck ist, seine Webpräsenz überall zu verbreiten. Der Kommentarinhalt ist dabei meist weitgehend aussagenlos, aber so gehalten, dass der Werbezweck nicht zu offensichtlich ist.

    Dass das alte Prinzip jetzt noch mit ein paar frommen Platitüden gewürzt, überraschte mich dann doch noch.

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