Von der Schwerkraft der Gewöhnlichkeit zu Boden gezogen

Lese gerade „Der wilde Messias“ von Frost / Hirsch und möchte daraus zwei Zitate von Musiker und Dichter Nick Cave weitergeben:

„Der Christus, den uns die Kirchen anbieten, der blutlose, sanftmütige „Erlöser“ – der Mann, der mit gütigem Lächeln eine Schar Kinder betrachtet oder heiter und gelassen am Kreuz hängt – spricht Christus nicht nur seine starke, schöpferische Trauer ab, sondern auch seinen rasenden Zorn, der bei Markus so machtvoll zum Ausdruck kommt. Auf diese Weise verleugnet die Kirche sein Menschsein und stellt uns eine Gestalt hin, die wir vielleicht „preisen“, aber nicht mit uns in Beziehung setzen können.“

Und weiter:

„Die fundamentale Menschlichkeit von Christus, wie Markus ihn beschreibt, bietet uns ein Vorbild für unser eigenes Leben. Damit besitzen wir etwas, nach dem wir streben können, statt es nur zu verehren. Etwas, das uns aus der Weltlichkeit unseres Daseins herausheben kann, statt uns nur zu bestätigen, dass wir wertlos und unwürdig sind. Wenn wir nichts anderes tun, als Christus in seiner Vollkommenheit zu preisen, müssen wir auf den Knien liegen bleiben und können nie die jämmerlich gebeugten Köpfe erheben. Und das hat Christus sicher nicht gewollt. Christus ist als Befreier gekommen. Christus hat verstanden, dass wir Menschen für immer von der Schwerkraft unserer Gewöhnlichkeit und Mittelmäßigkeit zu Boden gezogen werden – doch durch sein Beispiel hat er unserer Fantasie die Freiheit gegeben, aufzusteigen und zu fliegen. Kurz: Christus ähnlich zu sein.“

(Quelle: Das Evangelium des Markus: Mit einer Einleitung von Nick Cave. Frankfurt am Main: Fischer, 2009, 9-14.)

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